Fischerverein Wendlingen e.V.

 

Der Neckar prägt Land und Leute

  

09.04.2013, Von Gaby Kiedaisch

Der Wendlinger Bürgerverein lud am Sonntagnachmittag zu einer Führung entlang des Neckars ein und rund 150 wanderten mit

Mittlerweile entwickeln sich die Flussbegehungen, zu denen der Bürgerverein einmal im Jahr einlädt, zu einem Massenphänomen. Nach der Lauter stand zum zweiten Mal der Neckar am Sonntag im Zentrum der Führung und wie es scheint war dies nicht die letzte. Circa 150 Mitwanderer interessierten sich für das „wilde Wasser“, wie der Name Neckar im Keltischen heißt.

WENDLINGEN. Mit seinen 362 Kilometern Länge ist der Neckar lediglich der zwölftlängste Fluss Deutschlands. Doch für die Schwaben und Anrainer des Stroms war er von jeher eine wichtige Lebensader. Das wurde mehrfach bei der nachmittäglichen Wanderung entlang des Flusses deutlich. Heutzutage hat er allerdings nicht mehr diese Bedeutung – ein Grund mehr für den Bürgerverein, ihn wieder in den Blick zu rücken.

Zahlreiche Gedichte zeugen von der Verbundenheit wie jenes von Sebastian Blau, „Dr Necker“, was Charlotte Benz vom Bürgerverein dazu veranlasste, es auf echt Schwäbisch zu rezitieren: „Ond zur Täufete ghaöts Kendle, ond zum Gaigel ghaöt dr Trompf, ond dr Necker ghaöt ens Ländle als sei’ Heazstuck ond Triompf!“ (Ausschnitt zweite Strophe).

Von der Ulrichsbrücke auf Köngener Gemarkung ging die Tour rechtsseitig entlang des Neckars bis zur Fischerhütte des Fischervereins, wo man sich nach der etwa zweieinhalbstündigen Begehung für den Rückweg stärken konnte. Dazwischen erzählten verschiedene Referenten aus ihrem Fachgebiet viel Wissenswertes über die Topografie, die Industriegeschichte, über Fischpopulationen, Kraftwerke, Hochwasser oder über das frühere Freizeitverhalten am Neckar, wo so mancher Zeitzeuge das Schwimmen gelernt hat oder wo ein Bootsverleih am Wochenende zum gemütlichen Rudern mit der Familie oder der Liebsten einlud.

Trotz der großen Teilnehmerzahl musste niemand bangen, dass er von all den Geschichten rund um den Neckar akustisch nichts mitbekommen würde. Der Bürgerverein war wieder bestens vorbereitet und hatte eine mobile Lautsprechanlage auf die Tour mitgenommen. Heinz Benz, Vorsitzender des Vereins, hatte die vielen Teilnehmer auf der Ulrichsbrücke begrüßt und über die lange Tradition der Flößerei berichtet – laut einer Oberamtsbeschreibung von 1845 sollen jährlich bis zu 500 Flöße den Neckar hinuntergefahren sein. Das 1973 abgebrochene Gasthaus Schwanen an der Wendlinger Bahnlinie war zu der Zeit Anlaufstelle für die Flößer und Fuhrleute.

 

Die einsetzende Industrialisierung im 19. Jahrhundert brachte einen grundlegenden Nutzungswandel. Der Neckar wurde weitgehend begradigt, um der Hochwasser Herr zu werden und Flächen für Industriebauten zu gewinnen. Mit dem Bau der Neckartal-Bahnstrecke wandelte sich die
Landschaft des Neckartals von einer Kultur- in eine Industrielandschaft.

Roland Zaiser vom Geschichts- und Kulturverein Köngen begab sich auf die Spur von Herzog Ulrich, der sich mit einem Sprung zu Pferd von der Ulrichsbrücke vor seinen Verfolgern gerettet haben soll. Doch dies ist und bleibt eine Sage, die der Dichter Wilhelm Hauff in seinem Roman „Lichtenstein“ zum Besten gegeben hat.
Historisch gesehen war dies schlichtweg nicht möglich gewesen, da zur Zeit des Herzogs noch keine Brücke zwischen Köngen und Wendlingen existiert hatte. Tatsächlich war die heutige Ulrichsbrücke 1602 vom damaligen Star-Baumeister Heinrich Schickhardt aus Stein errichtet worden. Die Vorgängerbrücke aus Holz und Stein war dem Hochwasser des Jahres 1599 zum Opfer gefallen. Um ein Haar wäre sie in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs vollständig zerstört worden, wie so viele Brücken und Stege am Neckar, um die herannahenden Alliierten aufzuhalten. Glücklicherweise reichten die Sprengladungen nicht aus, und nur ein Teil der Brücke stürzte in die Fluten. Die Firma Krautwasser baute die Brücke 1946 wieder auf und unter den Hilfsarbeitern befand sich ein junger Bursche namens Heinz Gfrör, der spätere Architekt und Stadtrat aus Wendlingen. Heinz Gfrör berichtete über die immensen Umwälzungen, die die Verlegung des Neckarbetts im Zuge des Baus der neuen Bundesstraße 313 ab den Jahren 1969 mit sich gebracht hatte wie die Kanalstilllegung zur Firma Otto.

Für den verhinderten Hartmut Otto von der Firma HOS (Heinrich Otto & Söhne), die die Textilindustrie und Industrialisierung im Südwesten mitgeprägt hat, sprang kurzfristig Fred Schuster vom Bürgerverein ein. Er schlug einen Bogen von der ehemaligen Stuttgarter Handelsfamilie zur Textildynastie, die ihre Spinnerei 1861 zunächst in Unterboihingen in Betrieb nahm und erst im Jahr 1885 in Wendlingen expandierte. Noch heute werden von der Firma fünf Flusskraftwerke am Neckar betrieben.

Fische aus dem Neckar kann man heute wieder essen

Über die Fischpopulation im Neckar und über die Veränderung der Wasserstruktur referierte Günther Richter, seines Zeichens Vorsitzender des Wendlinger Fischervereins. Richter hofft, dass nach den beginnenden Renaturierungsmaßnahmen an der Lauter auch das große Wehr am Neckar für Fische wieder durchgängig gemacht wird.